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Brauchen wir moderne Friedhöfe?

26.10.2015

Ich lese in der Fachpresse immer wieder Diskussionsansätze über das Thema, ob wir modernere Friedhöfe brauchen.

Ja, es ist offensichtlich, daß sich die Trauerkultur in einem Wandel befindet. Das Reihengrab oder das große Familiengrab, das ständig gepflegt, bepflanzt und gegossen werden will, das gehört in weiten Teilen der Republik zunehmend der Vergangenheit an. Die Feuerbestattung verdrängt allenthalben immer mehr die Erdbestattung und der Trend geht eindeutig zum pflegearmen oder anonymen Grab.

Die ganzen als neu angepriesenen Bestattungsformen entpuppen sich bei näherer Betrachtung nicht als das, was sie vorgeben. Denn es wird in Deutschland immer noch auf nur zwei Weisen bestattet:

Entweder man kommt im Sarg in die Erde oder man wird mit Sarg eingeäschert. Punkt.

Nur für den Umgang mit der Totenasche, die nach der Einäscherung anfällt, gibt es mittlerweile verschiedene Verwendungsformen.

Um es kurz zu sagen: In Deutschland besteht für Totenaschen Friedhofspflicht und davon gibt es nur zwei Ausnahmen. Die eine ist die Beisetzung der Asche im Meer als Seebestattung und die andere ist die Beisetzung der Asche in einem zum Friedhof gewidmeten Waldstück, die Waldbestattung.

Alles was da sonst noch angepriesen wird, ist entweder nur im Ausland möglich oder hinterläßt nach der Entnahme von etwas Totenasche dann doch eine Urne, die irgendwie beigesetzt werden muß.

Ein Beispiel für die Ausbringung von Totenasche im Ausland ist beispielsweise die Aschenverstreuung vom Heißluftballon in Frankreich oder die Verstreuung der Asche in/an einem Schweizer Gebirgsbach.

Die Diamantbestattung besipielsweise hinterläßt eine Urne, die doch beigesetzt werden muß, denn für die Fertigung der teuren Gedenkdiamanten aus Totenasche benötigt man nur einen geringen Teil der Asche.

Das bedeutet, daß wer nicht die Asche im Ausland komplett verstreuen oder vergraben läßt und wer keine See- oder Waldbestattung wählt, letztlich doch eine Grabstätte auf einem Friedhof hat.

Diese kann anonym sein oder örtlich und namentlich bekannt.

Wenn aber schon die allermeisten Menschen auch heute noch auf einem Friedhof beigesetzt werden, so muß man sich Gedanken darüber machen, wie Menschen heute trauern.

Das ehrende Andenken, das Grab als Anlaufstelle für die Familie und Fremde, die Zurschaustellung gärtnerischer Pracht, das alles ist nicht tot und das alles wird es noch viele Generationen geben, aber immer weniger Menschen interessieren sich dafür. Trauer findet heute zunehmend auch in den sozialen Netzwerken statt, die Familien sind zergliederter und leben weiter voneinander entfernt und der Trauerarbeit auf dem Friedhof wird generell nicht mehr so eine große Bedeutung beigemessen.

Vor diesem Hintergrund überlegen sich manche Experten, der Friedhof müsse heute moderner gestaltet werden. Beleuchtete Urnennischen mit internetfähiger QR-Code-Beschriftung, große Wiesenanlagen zur Ascheverstreuung oder zur anonymen Beisetzung von Urnen, das sind Dinge, die es schon auf vielen Friedhöfen zumindest ansatz- oder teilweise gibt.

Bewegen müssen sich auch die Friedhofsbetreiber hinsichtlich der Gestaltung der Trauerfeiern. Die klassische, durch kirchliche Rituale geprägte Trauerfeier ist passé.

Zwar spielen die Kirchen immer noch eine bedeutende Rolle, wenn es um das Beerdigen geht, aber die Menschen sind allgemein der Religion nicht mehr so verbunden und wünschen sich auch im religiösen Ablauf einer Trauerfeier Spielräume für eigene Ideen.

Auch die Bestatter sind innovativer geworden und moderne Bestatter verfügen über ein großes Portfolio an gestalterischen und organisatorischen Möglichkeiten, um Trauerfeiern sehr individuell zu gestalten.

Das alles stellt alle Beteiligten vor ganz neue Herausforderungen, die andererseits aber auch wiederum nicht so revolutionär sind, als daß sie nicht mit den vorhandenen Möglichkeiten problemlos umgesetzt werden könnten.

Der wichtigste Aspekt bei der Frage, wie der Friedhof von morgen aussehen sollte, ist meiner Meinung nach die Flexibilität bei gleichzeitiger Wahrung der Tradition.

Nicht jedem kurzlebigen Modetrend nachlaufen, dennoch offen sein für Neues, aber unterm Strich die Friedhofskultur bewahren. Das ist die Devise.

Denn so groß der Drang nach Neuem und Individuellem auch sein mag, letztlich suchen die Menschen auf dem Friedhof alle nur dasselbe: einen ruhigen Platz zum Erinnern, zum Nachdenken und zum Trauern.

Ich glaube fest daran, daß die Werte, die hunderte von Jahren überdauert haben, auch unsere Zeit überdauern werden. In hundert Jahren wird man immer noch so bestatten, wie man es heute tut und wie man es vor hundert Jahren getan hat.

Jetzt alles Althergebrachte über Bord zu werfen und nur noch LED-beleuchtete Streuwiesen einzurichten, das wäre ein Schritt in die falsche Richtung. Es wäre kein Schritt in die Zukunft, sondern es wäre der Verlust einer großen Trauerkultur.

Dem Neuen gegenüber aufgeschlossen sein, mehr Bequemlichkeiten und Freiheiten bieten, endlich verstehen, daß man auch als Friedhofsbetreiber nicht hoheitlicher Fürst, sondern Dienstleister ist und dennoch Bewahrer der Tradition zu sein, das ist die große Aufgabe!

 

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